Was passiert, wenn wir uns an das Unzumutbare gewöhnen?

Über eine unserer größten Stärken – und den Moment, in dem Anpassungsfähigkeit gefährlich werden kann.

Gewöhnung ist eine erstaunliche menschliche Fähigkeit. Sie hilft uns, mit Veränderungen, Belastungen und schwierigen Situationen umzugehen. Ohne sie wären wir vermutlich ziemlich schlecht darin, Krisen zu überstehen, neue Lebenssituationen zu bewältigen oder unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Nur hat Gewöhnung einen Haken: Wir können uns auch an Dinge gewöhnen, die niemals normal werden sollten.

Oft beginnt es mit etwas, das uns deutlich irritiert. Ein Zustand, eine Entscheidung, ein Umgang miteinander, eine Arbeitsbelastung oder eine Grenze, die sich verschiebt. Wir merken: Das ist nicht gut. Vielleicht benennen wir es sogar. Dann vergeht Zeit. Wir organisieren uns darum herum, finden pragmatische Lösungen, fangen auf, was nicht funktioniert, und sorgen irgendwie dafür, dass es weitergeht.

Irgendwann heißt es: „Das ist eben gerade so.“ Und noch etwas später fällt uns kaum noch auf, dass wir einmal einen anderen Maßstab hatten.

Wenn Funktionieren zum Problem wird

Gerade Organisationen sind erstaunlich gut darin, schwierige Bedingungen zu kompensieren. Wenn Ressourcen fehlen, Zuständigkeiten unklar sind oder Abläufe nicht funktionieren, entstehen Lösungen. Menschen übernehmen zusätzlich, Teams entwickeln Abkürzungen, Führungskräfte gleichen aus. Und fast immer findet sich irgendjemand, der dafür sorgt, dass der Laden weiterläuft.

Das ist zunächst eine Stärke. Problematisch wird es, wenn genau dieses Funktionieren irgendwann als Beweis dafür gilt, dass der Zustand offenbar doch tragfähig ist.

Denn dass Menschen etwas auffangen können, bedeutet noch lange nicht, dass sie es dauerhaft auffangen sollten. Dass ein Team trotz schwieriger Bedingungen gute Arbeit leistet, beweist nicht, dass die Bedingungen gut genug sind. Und dass eine Organisation gelernt hat, mit einem Problem zu leben, heißt noch lange nicht, dass sie es gelöst hat.

Vielleicht ist genau das eine der tückischsten Seiten von Anpassungsfähigkeit: Sie macht vieles möglich. Und manchmal hält sie dadurch genau das am Leben, was längst verändert werden müsste.

Sind wir besser geworden – oder nur besser im Aushalten?

In Veränderungsprozessen finde ich diese Frage ausgesprochen spannend. Nicht jede Stabilität ist ein Erfolg. Manchmal ist sie schlicht das Ergebnis davon, dass Menschen unglaublich viel kompensieren.

Dann wird aus einem Provisorium allmählich ein Verfahren. Aus einer Ausnahme eine Erwartung. Ein Zustand, über den anfangs noch diskutiert wurde, gehört irgendwann selbstverständlich zur Arbeitsrealität.

Das geschieht selten mit einer großen Entscheidung. Viel häufiger passiert es schleichend. Und gerade deshalb ist es so schwer zu erkennen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb hin und wieder, nicht nur zu fragen, ob etwas funktioniert. Sondern auch: Was kostet dieses Funktionieren inzwischen? Welche Energie fließt dauerhaft ins Auffangen und Kompensieren? Was wird nicht mehr entwickelt, weil alle damit beschäftigt sind, einen Zustand irgendwie stabil zu halten?

Und vor allem: Haben wir das Problem tatsächlich gelöst – oder sind wir nur richtig gut darin geworden, damit zu leben?

Gewöhnung ist nicht Gleichgültigkeit

Das betrifft keineswegs nur Organisationen. Auch persönlich können wir uns an erstaunlich viel gewöhnen: an permanente Überlastung, an Beziehungen oder Verhaltensweisen, die uns nicht guttun, an einen Alltag, den wir einige Jahre zuvor vielleicht noch entschieden abgelehnt hätten.

Nicht unbedingt, weil uns unsere Ansprüche egal geworden sind. Sondern weil Anpassung eine ausgesprochen wirksame Strategie ist, um handlungsfähig zu bleiben.

Gerade engagierte Menschen kompensieren häufig besonders lange. Sie übernehmen Verantwortung, weil ihnen etwas wichtig ist. Sie wollen andere nicht hängen lassen, Arbeit gut machen oder eine schwierige Situation irgendwie stabilisieren. Genau diese Stärke kann allerdings dazu führen, dass ein Zustand erstaunlich lange erhalten bleibt, obwohl längst klar ist, dass er verändert werden müsste.

Deshalb halte ich es für wichtig, Gewöhnung nicht vorschnell mit Zustimmung zu verwechseln. Menschen können sich an etwas angepasst haben und es trotzdem falsch finden. Sie können eine Situation hervorragend bewältigen und trotzdem darunter leiden. Und sie können über Jahre funktionieren, obwohl eine Grenze längst überschritten ist.

Wann haben wir unseren Maßstab verschoben?

Vielleicht braucht es deshalb hin und wieder einen bewussten Soll-Ist-Abgleich. Nicht im Sinne permanenter Empörung und auch nicht mit dem Anspruch, dass alles jederzeit ideal sein muss. Sondern damit wir unseren eigenen Maßstab nicht unbemerkt verlieren.

Was hielten wir ursprünglich für richtig? Welche Grenze war einmal klar? Was sollte eigentlich nur vorübergehend sein? Was wollten wir verändern, bevor wir gelernt haben, damit zurechtzukommen? Und an welcher Stelle haben wir aufgehört, danach zu fragen?

Diese Fragen sind unbequem. Denn manchmal zeigt sich dabei, dass wir selbst Teil der Stabilisierung eines Zustands geworden sind, den wir eigentlich ablehnen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern gerade weil wir kompetent, verantwortungsvoll und lösungsorientiert gehandelt haben.

Auch das gehört zur Ambivalenz von Anpassungsfähigkeit: Sie hilft uns, mit schwierigen Situationen umzugehen – und kann gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Situationen länger bestehen bleiben.

Vielleicht ist deshalb gar nicht die entscheidende Frage, wie viel wir aushalten können. Menschen können erschreckend viel aushalten.

Die wichtigere Frage ist: Woran dürfen wir uns niemals gewöhnen?

Die ondela-Kompasspost

Genau mit solchen Fragen beschäftigt sich die ondela-Kompasspost. Einmal im Monat nehme ich dort eine Frage auf, die mich in meiner Arbeit mit Menschen und Organisationen beschäftigt – manchmal ganz unmittelbar aus Veränderungsprozessen heraus, manchmal mit einem Blick weit darüber hinaus.

Es geht dabei nicht darum, am Ende möglichst schnell eine fertige Antwort zu liefern. Mich interessieren Fragen, die den gewohnten Blick ein Stück verschieben und vielleicht noch weiterarbeiten, wenn die Mail längst geschlossen ist.

Dieser Magazinbeitrag basiert auf der Kompasspost vom August 2026. Seit Juli sind bisher diese Fragen erschienen:

Wenn Sie Lust haben, die nächste Frage mitzudenken, freue ich mich, wenn Sie die ondela-Kompasspost abonnieren. Sie kommt einmal im Monat direkt ins Postfach – mit einer neuen Frage, ein paar Gedanken dazu und hoffentlich etwas, das noch ein bisschen weiterarbeitet.

Vielleicht bis zur nächsten Frage.

Herzlich